A Wagnerian Libretto: Gilgamesch, Eine Handlung in vier Aufzügen
Vorbemerkung
Not a Wagner sketch. Wagner never touched Mesopotamia; the epic was barely excavated and translated in his lifetime, its cuneiform tablets only reaching European scholars in the 1870s, too late and too far from Bayreuth to interest him. But the shape underneath the Gilgamesh epic is a shape he spent his whole life writing anyway: the friend who must die so the hero can become someone. The plant, or the gold, or the ring, that grants what it should not grant and is lost the moment it is grasped. The serpent who takes back what a man thought he had finally earned. A king who ends not triumphant but simply older, looking at a wall he built, which is the only immortality that was ever actually on offer.
This libretto treats the Epic of Gilgamesh, the oldest surviving story on earth, in Wagner's own dramatic vocabulary: Stabreim verse, a leitmotif system, an orchestra that argues with the text rather than accompanying it. It follows the Standard Babylonian Version, compiled by the scribe Sîn-lēqi-unninni, the version scholars agree is closest to a finished text: Enkidu made to civilize Gilgamesh's tyranny, their friendship, the killing of Humbaba, Enkidu's punishment and death, the king's flight from his own city in grief, the failed search for immortality, and the return to the walls he already built.
The governing device, named below as die Mauer und die Tiefe, runs two registers through the work: what accumulates and remains — language, friendship, the wall itself — against what is lost the instant it is grasped — youth, the plant, Enkidu's life. They meet only twice: at Enkidu's death, and at the final wall scene, where the king finally stops asking the deep to behave like the wall.
Personen
GILGAMESCH, König von Uruk, zwei Drittel Gott, ein Drittel Mensch, bis zum ersten Aufzug völlig allein (Bariton)
Tracht: Gold und Löwenfell im ersten Aufzug; grau und ungeschmückt ab dem dritten — der König verliert seine Farbe, bevor er seinen Freund verliert.
ENKIDU, aus Lehm und Steppengras gemacht, durch Liebe zivilisiert, dafür von den Göttern getötet (Tenor)
Tracht: unbehandeltes Fell im ersten Auftritt, das sich Stück für Stück in gewebten Stoff verwandelt, während er die Sprache lernt.
SCHAMHAT, eine Tempelfrau, die Enkidu die Sprache lehrt, welche zugleich der Beginn seiner Sterblichkeit ist (Sopran)
HUMBABA, Wächter des Zedernwalds, für einen Krieg getötet, den keiner der Helden eigentlich führen musste (Bass)
UTNAPISCHTIM, überlebte die Flut, unsterblich, von der Unsterblichkeit gelangweilt (Bass)
DIE SCHLANGE, gesprochen, nicht gesungen, die einzige Rolle der Oper ohne Leitmotiv (Sprechrolle)
Sie will nichts, was das Orchester musikalisieren könnte.
Chor von Uruk, die Stadt, die Gilgamesch unterdrückt, dann verliert, dann still zurückbehält (Chor)
Vom Orchester
Das Steppen-Motiv — weit und wortlos, Hörner ohne Harmonie, das im ersten Aufzug allmählich eine einzelne Oboenlinie annimmt.
Schamhats Motiv — die Oboenlinie, die sich durch das Steppen-Motiv fädelt, bis die Hörner ohne sie nicht mehr spielen können. Die Sprache als Wunde.
Die Mauer — a slow, level, unchanging figure in the low strings, present from the first bar of the opera to the last, the only motif that never develops. It is not meant to. That is what a wall is.
Das Kyffhäuser-Familien-Motiv — the same descending four-note figure that governs the Friedrich and Achilleus fragments, appearing here for the first time in this opera, very quietly, in the cellos, under Gilgamesch's final line.
Von der Bühne — Was gebaut und gestrichen wird
The wall should be the only fixed set piece across all four acts, visible from the first scene, unremarked upon until the last. Everything else — the steppe, the cedar forest, the waters of death, the serpent's spring — should be built and struck around it in view of the audience, so that by the fourth act the audience has watched the wall outlast four other worlds without once being told that this was the point.
Erster Aufzug
Uruk. Seine Mauern sind das Höchste, woran GILGAMESCH sich je gemessen hat, was das Problem ist.
Gilgamesch nimmt die Töchter zur Nacht.
Kein Gott hält ihn, kein Gesetz hält ihn.
Wer hält den, der alles halten kann?
Gilgamesh takes the daughters for the night.
No god holds him, no law holds him.
Who holds the one who can hold everything?
Die Götter antworten, indem sie ENKIDU aus Lehm und Flussschlamm machen, draußen in der Steppe, als Gilgameschs Ebenbürtigen. SCHAMHAT findet ihn unter den Tieren.
Sieben Nächte werde ich dir zeigen,
was die Tiere nie zeigen können:
ein Wort für das, was du fühlst.
For seven nights I will show you
what the animals can never show you:
a word for what you feel.
Das Steppen-Motiv, weit und ohne Harmonie, akzeptiert allmählich eine einzelne Oboenlinie, Schamhats Motiv. Nach der siebten Nacht können die Hörner nicht mehr ohne die Oboe spielen. Dies ist Enkidus Sterblichwerden. Die Sprache ist die Wunde.
ENKIDU geht nach Uruk, um den nächsten Frevel des Königs zu stoppen. Stattdessen kämpfen er und GILGAMESCH auf der Straße, und der Kampf wird zur Freundschaft.
den ich nicht überwinden konnte,
bis heute. Bleib. Ich brauche keinen Untertan.
Ich brauche einen, der mir gleich ist.
I could not overcome,
until today. Stay. I do not need a subject.
I need one who is my equal.
Der Vorhang. — Erste Pause.
Zweiter Aufzug
Er ist der Wächter, den die Götter setzten.
Wir töten ihn nicht für Uruk.
Wir töten ihn, damit du einen Namen hast.
He is the guardian the gods set there.
We do not kill him for Uruk.
We kill him so you will have a name.
Sie töten ihn dennoch. HUMBABAs Sterbefluch trifft nicht Gilgamesch, der den Ruhm wollte, sondern Enkidu, der nur seinem Freund Gesellschaft leisten wollte.
der die Tat nicht wollte, sondern nur den Freund.
So teilen sich Ruhm und Rechnung immer:
der eine trägt den Namen, der andere trägt die Schuld.
who did not want the deed, only the friend.
This is how glory and its bill are always divided:
one carries the name, the other carries the debt.
Ich bereue nicht das Wort, das du mir gabst.
Ein kurzes Leben, das ein Wort kannte,
ist länger als ein langes, das keins kannte.
I do not regret the word you gave me.
A short life that knew a word
is longer than a long one that knew none.
Das Steppen-Motiv und Schamhats Oboenlinie, die sich im ersten Aufzug ineinander verwoben, trennen sich hier zum letzten Mal: die Oboe steigt allein, während die Hörner verstummen. Enkidu stirbt mitten im Satz. Das Orchester vollendet die Kadenz nicht für ihn.
Der Vorhang. — Zweite Pause.
Dritter Aufzug
GILGAMESCH flieht aus Uruk, zum ersten Mal erschrocken, nicht vor einem Feind, sondern vor dem eigenen Tod, nun bewiesen möglich. Er überquert die Wasser des Todes, um UTNAPISCHTIM zu finden.
Kein Verdienst, König. Nur Zufall
und ein Gott, der mich zufällig mochte.
Es gibt kein Geheimnis. Es gibt nur mich, und ich bin müde.
No merit, King. Only chance,
and a god who happened to favor me.
There is no secret. There is only me, and I am tired.
Aus Mitleid erzählt UTNAPISCHTIM ihm von einer Pflanze am Meeresgrund, die die Jugend zurückgibt. GILGAMESCH taucht danach, findet sie, und hält auf dem Heimweg an einer kühlen Quelle, um zu baden. DIE SCHLANGE, unmusikalisiert, ohne Interesse daran, ein Schurke zu sein, nimmt einfach, was unbewacht liegen blieb.
als wäre sie ein Kleidungsstück.
Ich will sie nicht aus Bosheit.
Ich will sie, weil du sie hingelegt hast.
as though it were a garment.
I do not want it out of malice.
I want it because you set it down.
und eine Schlange trägt sie jetzt fort.
Ich weine nicht um mich.
Ich weine, weil ich umsonst zurückkam.
and a serpent carries it away now.
I do not weep for myself.
I weep because I return for nothing.
Der Vorhang. — Dritte Pause.
Vierter Aufzug
GILGAMESCH kehrt mit leeren Händen nach Uruk zurück. Er steigt auf die Mauer, die er zu Beginn seiner Herrschaft baute, die Mauer, die der Chor einst hasste, und betrachtet sie, als sähe er sie zum ersten Mal.
Keine Schlange gibt zurück, was sie nahm.
Aber die Mauer steht. Ich baute die Mauer.
Ist das nicht auch eine Art zu bleiben?
No serpent returns what it took.
But the wall stands. I built the wall.
Is that not also a kind of remaining?
Es ist das Bleiben, das dir blieb.
It is the remaining that was left to you.
Das Kyffhäuser-Familien-Motiv erscheint hier zum ersten Mal in dieser Oper, sehr leise, in den Celli, unter Gilgameschs letzter Zeile. Es löst sich auch hier nicht auf. Der Chor feiert ihn nicht. Er vergibt ihm auch nicht. Er umkreist die Mauer weiterhin in der Dämmerung, wie er es immer getan hat, mit oder ohne König, der von oben zusieht.

