Libretto: Jesus von Nazareth, Ein Trauerspiel in Fünf Aufzügen

JESUS VON NAZARETH
Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen · A Tragedy in Five Acts
Dichtung: Richard Wagner (WWV 80) · The Opera Wagner Wrote Instead · Speculative Completion
Vorbemerkung

Wagner drafted this five-act prose sketch during the winter of the Dresden uprising, at his desk between pamphlets and barricades. He read Feuerbach that same season, and Proudhon soon after. He gave the project up in December 1849, citing the contradictory nature of the material — a phrase he never expanded on, and which this completion takes as its actual subject rather than its obstacle. What survives is not a libretto. It is a scenario, a set of notes toward a man Wagner needed and could not finish building.

His Jesus is not the church's Jesus. He is Mary's son by a Roman soldier, born outside the law and inside it anyway, a bastard the law cannot forgive and love does not need to. He preaches love against law, not love against Rome — a distinction his own Judas cannot forgive him for making. Judas is not a traitor for money. He is a revolutionary who wanted an uprising and got a sermon instead, and the opera's tragedy is that both men are right about what the moment requires and neither can act on the other's rightness.

Every element Wagner needed for the Ring is already sitting in this draft, unassembled: the tyranny of contract, the freedom that only love can grant, the hero who is illegitimate and therefore unbound by the law that made him. He did not need to finish Jesus von Nazareth. He needed to stop calling it that, and start calling it Siegfried.

The governing device, named below as Gesetz und Freiheit, runs two harmonic worlds through the whole work: the law's motif, which wants to close on the beat and is rarely permitted to, and love's answer, the same notes displaced a half-step late, arriving at freedom by arriving off the beat. They touch only once, fully resolved together, and the resolution is the worst sound in the opera.

Personen

JESUS, nicht göttlich durch Geburt, frei durch Wahl (Tenor)

Tracht: ungefärbtes Leinen, ohne Abzeichen von Stand oder Amt — die einzige Figur der Oper ohne sichtbares Zeichen des Gesetzes, das sie bindet oder schützt.

JUDAS, ein Revolutionär, der einen Propheten für einen General hielt (Bariton)

Tracht: der Mantel eines Mannes, der sich für den Kampf gekleidet hat und keinen findet.

MARIA, seine Mutter, trägt die Geschichte, die Wagner sie nie ganz erzählen ließ (Alt)

Tracht: das Kleid einer Frau, die sich seit dem Vorspiel nicht mehr verändert hat.

PILATUS, das Gesetz, müde vom eigenen Vollzug (Bass)

BARABBAS, die Revolution, die Judas eigentlich wollte (Bariton)

DER HOHEPRIESTER, Gesetz mit einer Liturgie versehen (Bass)

DAS VOLK, laut, dann still, dann laut für einen anderen (Chor)

Vom Orchester

Das Gesetz-Motiv — a low sustained chord that wants to close on a major third and is not permitted to, first heard under Maria in the Vorspiel. It resolves exactly once, at Golgatha, and the resolution is the worst sound in the opera.

Die Freiheit — the same four notes as the Gesetz-Motiv, displaced a half-step late, arriving off the beat. Jesus never sings the Gesetz-Motiv straight.

Die Gleichgültigkeit — a crowd figure that turns mid-phrase toward whatever rumor arrives next, marked in the surviving sketch, twice underlined, as "gleichgültig."

Von der Bühne — Die Teilung

The stage should be built on a single visible fault line, floor and backdrop both, running from downstage left to upstage right. Everyone who sings under the Gesetz-Motiv stands on the temple side of the line. Everyone who sings under Freiheit stands on the other. Maria and Jesus are the only two permitted to cross it freely, and the crossing should be lit as a distinct, visible act each time it happens, not staged as incidental blocking. The line itself never moves. What moves is who is standing on which side of it.

TEMPELSEITE — GESETZ FREIE SEITE — FREIHEIT JESUS / MARIA: einzige, die die Linie queren Hohepriester, Pilatus, Volk (Anfang) Judas nach dem Zerwürfnis
Schema 1 — Die feste Linie: Gesetz und Freiheit als Bühnengeographie

Vorspiel: ein niedriger Raum. MARIA spinnt allein. Noch keine Musik außer einer einzelnen gehaltenen tiefen Saite, dem Ton, der zum Gesetz-Motiv wird, sobald das Orchester im ersten Aufzug einsetzt. Sie spricht, bevor sie begleitet wird, was keine andere Figur der Oper tut.

Vorspiel

Nazareth
MARIA
Josef hat mich nie berührt,
und doch trag ich ein Kind.
Das Gesetz nennt mich Verräterin.
Die Liebe nennt mich frei.
Joseph never touched me,
and yet I carry a child.
The law calls me betrayer.
Love calls me free.

Sie legt die Spindel nieder. Die tiefe Saite löst sich beinahe in eine Durterz auf und vollendet sich nicht. Dies ist die erste Erscheinung des Gesetz-Motivs: ein Akkord, der schließen will und es nicht darf.

Erster Aufzug

Der Prediger und der Aufständische
Ein Hügel bei Jerusalem
JUDAS
Rom steht noch. Der Tempel steht noch.
Du predigst Liebe, wo ich Schwerter brauchte.
Wo ist dein Heer? Wo ist dein Tag?
Ich folgte einem König, keinem Mönch.
Rome still stands. The Temple still stands.
You preach love where I needed swords.
Where is your army? Where is your day?
I followed a king, not a monk.
JESUS
Ein Heer schlägt Rom und wird zu Rom.
Das Gesetz, mit Schwertern umgestürzt,
steht morgen wieder auf, im selben Kleid.
Nur Liebe stürzt das Gesetz und bleibt nicht Gesetz.
An army defeats Rome and becomes Rome.
Law, overturned with swords,
stands again tomorrow, in the same clothes.
Only love overturns the law and does not remain law.

Das Gesetz-Motiv erscheint hier in Judas' Stimme, starr, marschierend, taktgenau aufgelöst. Jesus antwortet mit denselben vier Noten, doch die letzte um einen Halbton verspätet: die Freiheit, die den Takt verfehlt.

JUDAS (allein, nachdem Jesus abgegangen ist)
Ich habe einen Bruder gesucht
und einen Fremden gefunden,
der freier ist als jeder König
und nichts, gar nichts, damit beginnt.
I looked for a brother
and found a stranger,
freer than any king,
and beginning nothing, nothing at all, with it.

Der Vorhang. — Erste Pause.

Zweiter Aufzug

Maria vor dem Volk
Der Markt

DAS VOLK hat vom Bekenntnis der Maria gehört und umringt sie auf dem Markt. Diese Szene existiert im Originalentwurf nur als Regieanweisung: "Maria bekennt." Wagner schrieb nie, was sie sagte. Dies ist von dieser einen unvollendeten Anweisung aus geschrieben.

DAS VOLK
Hure! Verräterin! Wessen Kind
trägst du unter dem Gesetz hervor?
Whore! Betrayer! Whose child
did you bring forth under the law?
MARIA
Ich bekenne nichts, was ihr nicht schon wisst.
Ich bekenne nur, dass ich es nicht bereue.
Ihr habt ein Gesetz für Frauen.
Die Liebe hat keins.
I confess nothing you do not already know.
I confess only that I do not regret it.
You have a law for women.
Love has none.

Die Menge zerstreut sich nicht. Sie steinigt sie auch nicht. Sie wendet sich, mitten im Satz, einem neuen Gerücht vom Tempel zu. Die Gleichgültigkeit, zweimal unterstrichen im Originalentwurf.

Der Vorhang. — Zweite Pause.

Dritter Aufzug

Barabbas
Eine Zelle
BARABBAS
Ich tötete für ein Volk, das noch atmet.
Er starb schon, bevor man ihn hängte,
für ein Volk, das er nie befreite.
Warum wählt ihr mich nicht?
I killed for a people that still breathes.
He was already dead before they hanged him,
for a people he never freed.
Why do you not choose me?
PILATUS (zu sich selbst, zu keinem der beiden Männer)
Weil das Gesetz einen Schuldigen braucht,
keinen Freien. Ich richte nicht zwischen Mördern.
Ich richte zwischen dem, den das Gesetz halten kann,
und dem, den es nicht halten kann.
Because the law needs a guilty man,
not a free one. I am not judging between murderers.
I am judging between the one the law can hold,
and the one it cannot.

Er wäscht die Hände nicht aus Schuld, sondern aus Müdigkeit — fast wörtlich Wagners eigene Randnotiz.

Der Vorhang. — Dritte Pause.

Vierter Aufzug

Golgatha
Die beiden Motive
JESUS: allein, auf der Linie selbst die Linie löst sich zum ersten Mal auf DAS VOLK zerstreut sich zum nächsten Gerücht
Schema 2 — Golgatha: die feste Linie verschwindet, ohne dass jemand sie überschreitet

Keine Arie. Wagners Entwurf bricht hier vollständig ab, mitten in der Regieanweisung. Was folgt, ist die einzige Passage dieser Vervollständigung, die nicht auf seinen erhaltenen Notizen beruht, denn keine reichen weiter.

JESUS auf dem Hügel, auf der Linie selbst stehend, zum ersten Mal weder auf der Tempelseite noch auf der freien Seite. Das Gesetz-Motiv steigt im Orchester auf, zum ersten Mal vollständig aufgelöst, eine reine Durkadenz. JESUS singt nicht darüber. Er lässt es enden.

DAS ORCHESTER (keine Stimme; die Kadenz allein)
Stille.
Silence.

DAS VOLK, hinter der Bühne, bereits zerstreut in Richtung des nächsten Gerüchts, des nächsten Urteils, des nächsten Königs.

Der Vorhang. — Vierte Pause.

Fünfter Aufzug

Was Wagner nicht schrieb

Es gibt keinen fünften Aufzug. Wagners Gliederung listet einen auf, mit einem einzigen Wort daneben: "Auferstehung." Nichts sonst. Diese Vervollständigung ehrt diese Lücke, indem sie sie offen lässt. Der Vorhang hebt sich nicht zu einem fünften Aufzug. Das Orchester hält den unaufgelösten Terzakkord aus dem Vorspiel, Marias Akkord, um einen Takt länger, als das Publikum erwartet, und hört dann auf, ohne ihn aufzulösen.

ENDE
— das Gesetz schließt seinen Fall; die Liebe schließt keinen. · law closes its case; love closes none.

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